Sonntag, September 30, 2007

Der Schreibende zwingt die gesprochene Sprache, sich
den Schriftregeln zu fuegen . Die Sprache wehrt sich .
Jede Sprache wehrt sich auf die ihrem Charakter
entsprechende Weise . Das Deutsche ist schluepfrig,
das Englische sproede, das Franzoesische truegerisch,
das Portugiesische hinterlistig . Die Spracharbeit des
Schreibenden ist eine Vergewaltigung der sich unter
seinem Zugriff winkenden, ihm entschluepfenden,
unter ihm zerbrechenden, ihn verfuehrenden Sprache .
(aus: Die Schrift . V. FLusser 1987)

Dienstag, September 25, 2007

Montag, September 24, 2007

Alles, was ich ueber die Natur als schlechte Beraterin auf dem
Gebiete der Moral und ueber die Vernunft als wahrhafte Erloeserin
und Erneuerin sage, laesst sich auf den Bereich des Schoenen
uebertragen . Ich komme so dahin, den Schmuck als eins der
Zeichen fuer den uranfaenglichen Adel der menschlichen Seele
zu betrachten .
(aus: Das Schoene die Mode und das Glueck . C. Baudelaire)

Dienstag, September 18, 2007

Wie nun die musikalischen Obertoene vom Verlangen zur
Rueckkehr in ihren Grundton beseelt sind, so scheinen
oftmals bei Verwandlung eines Taetigkeitsbegriffs in einen
Dingbegriff die uebrigen Laute in dem Laut u ihren Ursprung
zu respektieren . Die z.B. in dem Zeitwort "sprechen"
ausgedrueckte Taetigkeit verdichtet sich in dem Hauptwort
"Spruch" sozusagen zu einem Ergebnis, das als fester,
abgeschlossener Begriff eines gewordenen Ganzen nicht
ohne Aehnlichkeit ist mit dem ebenfalls ein Bild der Ab-
geschlossenheit verkoerpernden musikalischen Grundton:
der vokalische Oberton e weicht wie eine sekundaere
Erscheinung auf das Geheiß eines harmoniegesetzlichen
Prinzips dem primaeren u :
Beispiele dieser Art: biegen - Bug, fliegen - Flug
(aus: ein Gang zu den Quellen der Sprache . M. Koch 1912)

Samstag, September 15, 2007

<< Die Richtigkeit des Wortes >> , sagt Sokrates in Platons
dem Problem der Etymologie gewidmeten Dialog ,
"besteht darin, dass es anzeigt, wie die Sache beschaffen ist" .
So hehr dieses Ziel beschrieben ist, so schwer ist es doch im
gegebenen Falle, den richtigen Weg dahin zu beschreiten, wie
schon die Beurteilung der von Sokrates und Platon gewonnenen
Ergebnisse zeigt, die uns aus heutiger Sicht kaum anders als
hilflose Versuche anmuten, waehrend solche etymologischen
Deutungen Varros wie die von lat. cadaver (Leichnam) aus
caro data vermibus "den Wuermern preisgegebenes Fleisch"
oder die noch von Wi.912 akzeptierte Erklaerung des aelteren
Plinius von lat. unedo "Frucht des Erdbeerbaumes" (s. unedo)
aus unum tantum edo "ich esse nur eine (Frucht)" heute schon
eher zu teil ueberheblichen, teils mitleidigem Schmunzeln
reizen mag .
(aus: Etymologisches Woerterbuch der botanischen Pflanzen . H.G.)

Dienstag, September 11, 2007

Montag, September 10, 2007

Im Popol Vuh, dem heiligen Buch der Quiché-Indianer auf Guatemala,
steht eine Geschichte ueber den Ursprung der Sprache . Die Goetter
befahlen den Tieren, heisst es da, zusammenhaengend zu sprechen;
aber diese konnten nur plaerren . Da schufen jene den Menschen, und
waehrend er Gestalt annahm, sprach er schon und formte Worte . Das
entspricht merkwuerdig dem biblischen Schoepfungsbericht: auch
Adam kann von Natur aus sprechen; das Erste, was er tut, ist, dass er
den Tieren Namen gibt .
(aus: Auf den Spuren des Wortes . Lutz Mackensen)

Freitag, September 07, 2007

Seit Urzeiten fuehlt sich der Dichter als Mund Gottes . Das galt fuer
Aischylos ebenso wie fuer Homer und Anakreon . Der >furor poeticus<,
von dem Platon sprach, war ein >furor Divinus< . Nicht sein Talent
mache den Dichter zum Dichter, sondern der Wahnsinn der Musen,
so heisst es im Phaidros .
So blieb es durch die Jahrhunderte, ja durch die Jahrtausende . Noch
Herder stellte die grossen dichterischen Werke neben Offenbarungen
Gottes, was uebrigens keineswegs eine Aesthetisierung der Religion,
sondern hoechste Ernsthaftigkeit der Kunst bedeutete . Und Goethe
sprach von dem Gott, der dem Menschen in seinem stummen Leid
die Faehigkeit des Wortes schenkt .
(aus: Die fragwuerdige Inspiration . Dr. H. Ischreyt)

Mittwoch, September 05, 2007

Um auf die indogermanische Ursprache zurueckzukommen:
Es gibt von ihr keine schriftlichen Zeugnisse, sie ist vielmehr
von der vergleichenden Sprachwissenschaft erschlossen, das
heisst rekonstruiert worden .
Allmaehlich spaltete sie sich in acht Hauptgruppen auf; die
wichtigsten sind das Baltisch-Slawische; Griechisch; Italisch
(Lateinisch, Franzoesisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch,
Rumaenisch, Raetoromanisch); Keltisch (heute noch lebendig
in Wales, Irland und der Bretagne); Germanisch . Unser Deutsch
gehoert mit dem Englischen, dem Hollaendischen, Flaemischen
und Friesischen zur westgermanischen Sprachgruppe . Das
Ostgermanische ist ausgestorben; sein Hauptzweig war das
Gotische; in dieser Sprache ist die beruehmte Bibeluebersetzung
des Westgotenbischofs Ulfilas (Wulfila) aus dem vierten Jahr-
hundert geschrieben, die als "Silberner Codex" die wohl groesste
bibliographische Kostbarkeit der Universitaetsstadt Uppasala
darstellt . << Atta unsar, thu in himinam/veihnai namo thein ...>>
Die Sprachen Daenemarks, Islands, Norwegens und Schwedens
bilden die norgermanische Sprachgruppe .
(aus: Wort und Wert . Hans Sommer)